Jemand schrieb:
Für E-Lokführer: Abspringen und vom Fahrleitungsmasten zerteilt werden, oder im Maschinenraum bei 90 Grad frittiert werden.
War das bei euch im Bw Frankfurt 1 der Überlebenskodex oder gibt es da offizielle Empfehlungen? Ansonsten ist das reichlich unsachlich formuliert und ich wollte eigentlich gar nicht darauf eingehen.
Letztlich ist es oft eine Entscheidung, die in Sekundenbruchteilen getroffen wird. Der Gedanke ans Abspringen stellt sich doch nur, wenn man die Konsequenzen abschätzen kann. Der Lokführer der 291 043 hat sich sicherlich noch überlegen können, ob bei der vermuteten Geschwindigkeit von 30 km/h ein Abspringen besser ist oder ein Verweilen auf der Lok, deren fast mittiges Führerhaus - anders als Frontführerstände – erstmal durch die Vorbauten eine Überlebenszelle darstellt, wie sich im Nachhinein anhand der Bilder zeigt. Natürlich würde man bei ca. 70 km/h Differenzgeschwindigkeit im Führerhaus nicht unverletzt herauskommen.
Beim bevorstehenden Zusammenstoß zweier Einheitselloks oder vergleichbarer Kontrahenten überlegt man sich - sofern ausreichend Zeit bleibt - vielleicht doch eher den Maschinenraumseitengang aufzusuchen, was zahlreiche Unfallbeispiele belegen, wo die Lokführer wahrscheinlich nur deswegen überlebten. Trotz einer gewissen Zeit, dort ggf. 'Saunatemperaturen' ausgesetzt zu sein (und beim Aufprall gegen irgendetwas geschleudert zu werden), dürfte der Seitengang bei Frontalzusammenstößen den hypothetisch größeren Raum zum Überleben bieten. Eine Verformung des Führerstandes wird sich in dem Moment wahrscheinlich kein Lokführer vorstellen wollen. Den Lokführer der 141 358 können wir wohl nicht mehr fragen, er wäre jetzt 100 Jahre alt.
Situativ hat z. B. der Lokführer der 150 048 1991 (Partenstein) den Absprung gewagt, wohl wissend, was ihn bei einem Aufprall auf einen Tankzug erwartet. Der Rangierleiter der 215 062 hingegen hat sich 1981 (Essingen) außen fest an die Lok geschmiegt, weil ein Absprung nicht mehr möglich war, und überlebt. Dieser Aufprall geschah mit fast 190 km/h Differenzgeschwindigkeit...
Mein eigentliches Anliegen war, auf zwei 'zeitgenössische' Berichte aus 'Der Spiegel' vom 27.07.75 und 'Die Zeit' vom 01.08.75 hinzuweisen. Der detailreiche Bericht des 'Spiegel' ist frei verfügbar, wirft aber weitere Fragen auf: Link.
Dort ist von lediglich 35 Verletzten die Rede. Über erreichte Geschwindigkeiten zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes ist dort auch nichts zu finden. Diese finden sich lediglich in dem Forenartikel ('ca. 40 und 30 km/h'), dem der Wikipedia-Artikel weitgehend folgt und auf den bereits von Reinhard und mir hingewiesen wurde.
Um den Bericht der 'Zeit' lesen zu können, habe ich mir eine kostenlose Registrierung gegönnt (E-Mail-Adresse reicht aus): Link.
Auch dort sind weitere erhellende Details aufgeführt. Die Zahl der Verletzten ist bereits auf 'rund 70' gestiegen. Die 11 Toten befanden sich tragischerweise offenbar nicht alle unbedingt in dem vordersten Großraumabteil:
Der erste Personenwagen schiebt sich über die E-Lok und bricht in der Höhe der vorderen Doppeltüren auseinander; die meisten Opfer waren in den Türraum gegangen, um wenige Minuten später in Hausbruch auszusteigen.
Dazu habe ich noch dieses Bild gefunden. Es zeigt m. E., dass dieses Abteil (24 Sitzplätze) senkrecht zur Lok steht (deswegen auch die heruntergedrückte Pufferbohle) und deren stabile Front sogar das Dach des Silberlings aufgerissen und zusammengedrückt hat: Link.